{"id":124,"date":"2025-12-16T17:54:48","date_gmt":"2025-12-16T16:54:48","guid":{"rendered":"https:\/\/supportrm16.noblogs.org\/?p=124"},"modified":"2025-12-16T17:54:48","modified_gmt":"2025-12-16T16:54:48","slug":"wenn-sich-die-linke-politik-so-stark-unterscheidet-wie-manche-hausprojekte-zu-orten-werden-in-denen-niemand-leben-moechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rm16bleibt.org\/?p=124","title":{"rendered":"Wenn sich die \u201elinke\u201c Politik so stark unterscheidet \u2013 wie manche Hausprojekte zu Orten werden, in denen niemand leben m\u00f6chte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wir haben im Juni 2025 unser eigenes Hausprojekt in der Robert-Matzke-Str. 16 in Dresden besetzt. Marek Winter nahm dies in der Jungle World Ausgabe 2025\/33 zum Anlass, um nach den Zielen, Potentialen, aber auch Grenzen kollektiven Wohnens zu fragen. Wir fanden diese Anregung wichtig und haben sie als Ausgangspunkt genutzt, um unsere eigene Situation erneut zu reflektieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Besetzung des Projektes war letztendlich auch eine Intervention von au\u00dfen. Menschen aus der Dresdner linken Szene sahen die Notwendigkeit, Verantwortung f\u00fcr das Projekt zu \u00fcbernehmen, denn das Haus war schon lange kein \u00f6ffentlicher Ort mehr in der Stadt und es drohte erneut der Auszug des Gro\u00dfteils der Hausgruppe. Damit steht das Projekt nicht alleine da. Viele Hausprojekte stehen teilweise halbleer, weil sich unter den gegebenen Bedingungen keine*r vorstellen kann einzuziehen. Im Mietsh\u00e4usersyndikat, mit dessen Hilfe auch unser Projekt gekauft wurde, ist Scheitern das aktuelle Thema. Jahrelange Konflikte und festgefahrenen Strukturen verhindern oft die Erneuerung und Weiterentwicklung von Projekten. Auch ihre \u00d6ffentlichkeitswirksamkeit, insbesondere die gemeinsame Gestaltung \u00f6ffentlicher Veranstaltungen f\u00fcr Stadtteil oder Szene und das Angebot \u00f6ffentlich nutzbarer Frei- und R\u00fcckzugsr\u00e4ume bleiben auf der Strecke. Wenn das Haus nebenbei noch finanziert, saniert und verwaltet werden muss, verst\u00e4rkt das die problematischen Dynamiken zus\u00e4tzlich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Soziale und politische Konflikte werden mit Hilfe &#8220;linker&#8221; Anw\u00e4lt*innen und der Macht des Staates entschieden!<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fluktuation in einem Projekt muss nicht zwangsl\u00e4ufig ein Problem sein. H\u00e4user kommen allerdings an ihre Grenzen, wenn dadurch Hierarchien entstehen und Einzelne \u00fcber Jahre Machtpositionen ausbauen. Langj\u00e4hrige Bewohnende kennen die Strukturen im Haus sehr genau und h\u00e4ufen viel Wissen, Kontakte und F\u00e4higkeiten an. Wissenstransfer und gemeinsames Lernen bed\u00fcrfen transparenter Strukturen und Offenheit gegen\u00fcber Neuem &#8211; und eine Grundhaltung, dass kollektive R\u00e4ume von Anfang an nur entstehen k\u00f6nnen, weil sie gemeinschaftlich gewollt, getragen und gestaltet werden. Die Realisierung von Freir\u00e4umen bedeutet eben im Kern, dass an diesen Orten unetablierten Ideen und Lebensentw\u00fcrfen r\u00fccksichtsvoll und wertsch\u00e4tzend Raum gegeben werden kann. Wenn dies nicht vorhanden ist, k\u00f6nnen sich nur noch Leute in die Hausgruppe integrieren, die sich anpassen und keine Kritik \u00e4u\u00dfern. Dann wird Verantwortung nicht geteilt, Wissen nicht weitergegeben, Menschen k\u00f6nnen nicht mitgestalten und Hierarchien verfestigen sich. Es gibt kein Vertrauen in neue Leute, stattdessen wird dies durch Kontrolle kompensiert. Kritische Perspektiven oder einfach auch W\u00fcnsche nach Ver\u00e4nderung haben keinen Raum, da sie gewachsene Positionen eventuell in Frage stellen. Dies findet nicht immer bewusst statt, kann aber auch dazu f\u00fchren, dass ungew\u00fcnschte Mitbewohnende gegeneinander ausgespielt oder sogar manipuliert werden. Die Liste an problematischem Verhalten in solchen Projekten liese sich leider lange fortsetzten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn, wie bereits von Marek Winter beschrieben, sich diese Hausstrukturen formalisieren in Vereinen und GmbHs, werden diese Machtpositionen im schlimmsten Fall durch Vorstandsposten verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn es keine Aushandlungsf\u00e4higkeit mehr gibt gegen\u00fcber Kritik an problematischem Verhalten, sozialen Dynamiken oder politischen Debatten, kann es in der letzten Konsequenz auch zum Rechtsstreit kommen. Dann gibt es eben keine politische Debatte mehr, sondern es werden juristische Mittel eingesetzt, um Machtpositionen durchzusetzen bzw.&#8221;Eigentum&#8221; zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann gibt es eine Situation, in der Kritik an gewaltvollem, manipulativen und grenz\u00fcberschreitendes Verhalten nicht mehr in der Diskussion gel\u00f6st wird. Kritik wird aufgrund fehlender Feedback- und Konfliktkultur mit Hilfe sogenannter linker Anw\u00e4lt*innen mittels staatlicher Institutionen abgewehrt und Machtpositionen manifestiert. Das ist auf verschiedenen Ebenen v\u00f6llig inakzeptabel. Interessen mit Hilfe des Staates durchzusetzen hat nichts mit linken antiautorit\u00e4ren Grunds\u00e4tzen zu tun. Gerichtliche Auseinandersetzungen legen Namen und Strukturen offen und bieten noch mehr Angriffspunkte f\u00fcr Repression. Im Rahmen der Auseinandersetzungen um das Hausprojekt RM16 wurden bereits vier &#8220;linke Anw\u00e4lt*innen&#8221; bem\u00fcht. Diese stellten eine gerichtliche Aus-\/Ver-handlung des sozialen\/Gruppen-Konfliktes nicht grunds\u00e4tzlich in Frage. Ein Anwalt positionierte sich in seinem Schreiben nicht nur juristisch, sondern auch politisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Ebene der &#8220;Auseinandersetzung&#8221; legt offen, dass die Linke nach wie vor keine ausreichenden Strukturen und Handlungsoptionen hat, mit sozialen Konflikten und \u00fcbergriffigem Verhalten umzugehen. Awarenesskonzepte sind zwar da, aber auch immer wieder in der Kritik. Linke Strukturen hadern aufgrund des grunds\u00e4tzlichen Dilemmas von Freiheitserm\u00f6glichung und Freiheitssicherung damit Freir\u00e4ume durch Regelungen und Ausschl\u00fcsse zu sichern und wirksame Konzepte zu implementieren. Nicht zuletzt braucht es auch immer den Willen aller, diese Ideen in unseren Strukturen zu verankern, und nicht nur den von Betroffen oder zum Thema sensible Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sch\u00f6ner wohnen statt radikale Gesellschaftsver\u00e4nderung?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entpolitisierung von Hausprojekten hat unterschiedliche Gr\u00fcnde. Nach den aufregenden Jahren der Besetzung oder Neugr\u00fcndung von Projekten, welche viele Leute eher in jungen Jahren erleben, beginnt mit Familiengr\u00fcndung, Berufsalltag oder einfach dem \u00c4lterwerden f\u00fcr einige Menschen eine Phase mit spezifischen Bed\u00fcrfnissen und weniger Zeit f\u00fcr politisches Engagement. Unreflektierte Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen k\u00f6nnen in diesem Zusammenhang durchaus zu einem problematischen Zusammenleben f\u00fchren. Sich die eigene politische Entwicklung einzugestehen f\u00e4llt da oft schwer. Das Festhalten an Altgewohntem oder konstruiertem Fr\u00fcher funktioniert dann vielleicht in der Zweizimmerwohnung oder dem Beziehungskonstrukt, gibt wenig Aushandlungsspielraum f\u00fcr kollektives Wohnen mit politischem Anspruch. Die eigene Reflektionsunf\u00e4higkeit oder nicht vorhandene Offenheit lassen Eigen- und Fremdwahrnehmung auseinandergehen. Menschen imaginieren sich selbst als Teil eines radikal politischen Gruppenzusammenhang, sind allerdings seit Langem weder engagiert noch Teil einer Szene. In offenen R\u00e4umen oder Orten, an denen Menschen politisch aktiv sind, ist es m\u00f6glich sich politisch zu aktualisieren. Junge und Alte oder Neue k\u00f6nnen voneinander lernen. Wer sich nur im eigenen Konstrukt bewegt und Ver\u00e4nderung abwehrt, merkt nicht, dass aktuelle Diskurse weit weg sind. Dann ist es auch nur eine Konsequenz, dass am Ende keine politischen Ideale sondern Eigentum verteidigt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bereits in Marek Winters Artikel angef\u00fchrt, gibt es einen gro\u00dfen Teil kollektiver Wohnformen nicht unbedingt auf Grund gesellschaftlicher Kritik, sondern wegen des Wunsches nach finanzierbarem eigenem Komfort, der den Wunsch nach Leben in Gemeinschaft nicht ausschlie\u00dft. Moderne Lebensentw\u00fcrfe sind heutzutage vielf\u00e4ltig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In beiden F\u00e4llen bedeutet dies am Ende nicht mehr als ein Mietverh\u00e4ltnis in weniger konservativer Form oder eben Eigentum. In den Gro\u00dfprojekten des Mietsh\u00e4usersyndikats trat dieses Problem mit der Gr\u00fcndung dieser auf. Bei 80 Menschen, die sich f\u00fcr eine vermeintlich alternative Wohnform entscheiden, aber wenig Gemeinsamkeiten in Alltag und oder politischer Perspektive aufweisen, gibt es eben auch keinen Wunsch nach radikaler Gesellschaftsver\u00e4nderung, sondern nur den nach bezahlbarem Wohnraum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei sollten soziale Netze und Beziehungen das sein, was uns Sicherheit geben sollte und nicht die Gewissheit in den n\u00e4chsten 10 Jahren noch die Einbauk\u00fcche zu haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Privileg und Verantwortung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum also das Ganze? Warum das ganze Aushandeln und Kooperieren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Hausprojekt sollte ein kollektives Gut sein, das Teil einer politischen Szene ist, auf das ich pers\u00f6nlich keinen Anspruch habe. Es ist ein Ort f\u00fcr Kreativit\u00e4t, Teilhabe, Politik, Organisierung, Diversit\u00e4t, internationaler Solidarit\u00e4t, Austausch und gemeinsames Lernen. Die Zapatistas haben gesagt, das Zentrum politischer Aktivit\u00e4t sei die Kommune. Sehen wir also das Haus mit seiner Gemeinschaft und dem Netzwerk darum als die Kommune.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der aktuellen politischen Situation und der voranschreitenden Faschisierung brauchen wir selbstbestimmte, finanziell unabh\u00e4ngige R\u00e4ume mehr denn je. Es ist ein Privileg und eine Verantwortung in solchen R\u00e4umen zu leben und sich organisieren zu k\u00f6nnen. Das Privileg genau dieses Labor an M\u00f6glichkeiten und Raum daf\u00fcr zu haben. Die Verantwortung daf\u00fcr, dass diese R\u00e4ume erk\u00e4mpft wurden und keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind. Wir m\u00fcssen sie erhalten und verteidigen gegen autorit\u00e4re und konservative \u00dcbernahmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben im Juni 2025 unser eigenes Hausprojekt in der Robert-Matzke-Str. 16 in Dresden besetzt. Marek Winter nahm dies in der Jungle World Ausgabe 2025\/33 zum Anlass, um nach den Zielen, Potentialen, aber auch Grenzen kollektiven Wohnens zu fragen. 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